Kleinanzeigen und Stellenbörsen haben lange den Journalismus querfinanziert. Damit ist es endgültig vorbei. Die Frage nach der Finanzierung stellt sich immer dringlicher.
Es ist ein Paukenschlag für die Schweizer Medienbranche: Zwei der grössten Medienhäuser des Landes, Ringier und die TX Group, bringen ihre Online-Rubrikenportale wie Homegate oder Immoscout 24 in ein gemeinsames Unternehmen ein. Es soll ein schlagkräftiger Schweizer Online-Marktplatz entstehen, der internationalen Konkurrenten wie Facebook oder Google trotzt und später an die Börse geht.
Damit entsteht nicht nur ein hoffentlich zukunftsträchtiges Schweizer Digitalunternehmen. Es geht auch ein traditionsreiches Geschäftsmodell von Zeitungshäusern zu Ende.
Historisch gesehen waren Journalismus und Rubrikenportale eng verbunden. Für die Zeitungshäuser waren Kleinanzeigen für Jobs, für die Vermietung von Wohnungen oder für den Verkauf von Häusern und Autos praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken. Dank ihrer starken Stellung als «Torwärter der Öffentlichkeit» zogen sie die Aufmerksamkeit des Publikums an, und diese nutzten sie, um umgekehrt Kleinanzeigen an den Mann und die Frau zu bringen. So hat das lukrative Rubrikengeschäft lange Zeit den Journalismus querfinanziert.
Aber die Digitalisierung hat dieses Geschäftsmodell hinfällig gemacht. Die Aufmerksamkeit des Publikums wandert heute an viele Orte – im Prinzip kann sie jeder anziehen, der im Internet etwas anbietet. Es braucht deshalb auch keinen Journalismus mehr, um ein Online-Portal für Autoverkäufe oder Wohnungsvermietungen zu betreiben. Die Leute kommen, weil sie eben ein neues Fahrzeug suchen, und nicht, weil sie eine Analyse über den Afghanistan-Konflikt lesen wollen.
Bereits seit vielen Jahren haben sich deshalb der Journalismus und die Rubrikenportale auseinanderentwickelt. Dennoch blieben sie bei zahlreichen deutschsprachigen Medienhäusern unter einem Dach. Zum deutschen Axel-Springer-Konzern gehören neben den Medienmarken «Bild» und «Die Welt» weiterhin zahlreiche Anzeigenplattformen.
Auch die Schweizer Medienhäuser Ringier (u. a. mit «Blick») und TX Group (u. a. mit den Tamedia-Zeitungen und «20 Minuten») pflegten diese Tradition. Aber mit dem Auslagern der Online-Anzeigenplattformen wird mit diesem Erbe gebrochen.
Für den Journalismus stellt sich damit die Finanzierungsfrage noch dringlicher. Das zeigt beispielhaft die TX Group. Im ersten Halbjahr 2021 steuerten die Online-Rubrikenportale wie Homegate, Ricardo oder tutti.ch rund 43 Millionen Franken zum Betriebsgewinn bei. Das war fast fünfmal so viel, wie die Tamedia-Zeitungen und «20 Minuten» zusammen beitrugen. Die hochprofitablen Online-Plattformen sind also die grossen Ertragsquellen der Medienhäuser, während die journalistischen Angebote um ihre Profitabilität kämpfen.
Zwar beteuert man sowohl bei der TX Group wie bei Ringier, der Journalismus sei schon bisher nicht mehr von den Online-Marktplätzen querfinanziert worden. Aber solange beides unter einem Konzerndach blieb, war dies zumindest indirekt doch der Fall. Das ändert sich jetzt. Künftig wird bei Ringier und TX der Journalismus gewissermassen allein zu Haus sein. Es bleibt nichts anderes übrig, als dass er sich aus sich selbst heraus finanziert. Diese Strategie verfolgt seit einigen Jahren auch das Unternehmen NZZ.
Das ist anspruchsvoll. Zudem schickt sich in der Schweiz die Politik gerade an, den Medien mehr Steuergelder zukommen zu lassen. Aber dass Journalismus zunehmend staatlich finanziert wird, kann nicht die Lösung sein. Denn dies droht die Unabhängigkeit der Medien zu untergraben.
Gefordert sind deshalb die Medienkonzerne. Viele Häuser haben die Herausforderung angepackt und erfolgversprechende Wege eingeschlagen – wobei sich die journalistischen Geschäftsmodelle stark ausdifferenziert haben. Aber Gedanken machen sollten sich auch die Bürgerinnen und Bürger: Vielfältigen Qualitätsjournalismus, der für eine Demokratie unerlässlich ist, kann es nur geben, wenn die Leser etwas dafür zu zahlen bereit sind.
Qualitätsmedien mit guten Hintergrundrecherchen finden immer zahlende Interessen- und Kundschaft. Bei den im Artikel genannten Häusern handelt es sich aber um beliebig austauschbaren Journalismus.
Mit der Digitalisierung haben sich viele Geschäftsmodelle und vorallem Berufe gewaltig verändert. Es ist ja nicht so, dass alle bisherigen Tätigkeiten gänzlich verschwunden sind, aber in vielen Berufen hat die Elektronik, die digitale Anwendung, das bisherige Handwerk nicht nur teilweise abgelöst, sondern definitiv zum Verschwinden gebracht. Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung war äusserst anspruchsvoll auch bei positiver Haltung gegenüber der neuen Berufswelt. Medienunternehmen hatten nicht nur einen längst vollzogenen Prozess der Digitalisierung hinter sich gebracht, sie hatten auch die Veränderung des Kundenverhaltens zu bewältigen, sprich die Mindereinnahmen durch Inserate und Werbeanzeigen zu beklagen. Es ist anzunehmen, dass in den Redaktionen die Zukunft ein heisses Diskussionsthema sein wird. Für jeden einzelnen Leser ist sein Informationsbedürfnis individuell ausgerichtet, den Einen genügt die Schlagzeile, den anderen vorwiegend die Bildinformation. Ohne letztendlich die Zukunft einer Kristallkugel zu überlassen, sehe ich mich als Minderheit einer Lesergruppe, welche vorallem die verborgenen Hintergründe und die qualifizierten, sensiblen Journalistenbeiträge den üblichen Schnellinformationen interessieren. Die NZZ greift immer wieder einmal zu Themen, welche zwar bekannt, aber keineswegs vertieft das Bewusstsein aufgeweckt haben. Auch ist das Gefühl einer bewusst, verordneten Manipulation nicht verletzt. Ich wünsche der NZZ weiterhin eine erfolgreiche Arbeit.
Ringier und TX: Finanzierung des Journalismus wird schwieriger – Neue Zürcher Zeitung – NZZ